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Die regulatorische Komplexität nimmt stetig zu, da auf allen Ebenen laufend neue Vorschriften verabschiedet werden. Cosima Trabichet-Castan befasst sich nicht nur mit Compliance-Fragen, sondern unterstützt zudem die Investoren dabei, diese Auflagen als Instrumente für die Entscheidungsfindung, vorausschauendes Handeln und Wertschöpfung zu nutzen.
Als Rechtsanwältin, ehemalige Beisitzerin am Mietgericht des Kantons Genf und heutige Partnerin bei EY verfügt Cosima Trabichet-Castan über eine im Immobilienbereich seltene Erfahrung an der Schnittstelle zwischen rechtlichen, finanziellen und strategischen Herausforderungen. Sie ist überzeugt, dass eine ausgehandelte Lösung – auch wenn sie nicht perfekt ist – besser ist als ein langwieriges Verfahren. Und dass es in der Schweizer Immobilienbranche nicht unbedingt ein Nachteil ist, eine Frau zu sein.
Cosima Trabichet-Castan, wie sind Sie zur Immobilienbranche gekommen?
Reiner Zufall! Nach Abschluss meines Anwaltspraktikums im Anschluss an mein Jurastudium hatte ich die Gelegenheit, an grossen Immobilientransaktionen mitzuarbeiten – und das war für mich eine echte Offenbarung. Ich entschloss mich, am Institut d’études immobilières in Genf eine Ausbildung zu absolvieren, um meine Kenntnisse insbesondere in den fachlichen und finanziellen Bereichen zu vertiefen, und erhielt anschliessend meine RICS-Zertifizierung.
Was gefällt Ihnen an der Immobilienbranche?
Mir gefällt die sehr greifbare Dimension der Immobilienbranche: Hinter jeder Entscheidung steht ein Gebäude mit technischen Gegebenheiten, Nutzerinnen und Nutzern, rechtlichen Rahmenbedingungen und einem eigenen Lebenszyklus. Zudem kommt es im Immobiliensektor auf langfristiges Denken an. Die Projekte brauchen Jahre bis zur Umsetzung. Entsprechend wichtig sind Weitblick und Flexibilität, wenn sich etwas anders entwickelt als ursprünglich geplant.
Neben Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin waren Sie auch Beisitzerin am Mietgericht des Kantons Genf. War das eine gute Erfahrung?
Dank dieser Erfahrung bin ich heute überzeugt, dass im Immobilienbereich eine ausgehandelte Lösung – selbst wenn sie nicht perfekt ist – einem langwierigen und kostspieligen Verfahren mit ungewissem Ausgang oft vorzuziehen ist. Denn Rechtsstreitigkeiten betreffen häufig sehr technische Fragen, und die verfahrensrechtlichen Vorgaben lassen es nicht immer zu, den Erwartungen der Parteien wirklich gerecht zu werden. Deshalb ziehe ich heute einen vorausschauenden, konstruktiveren Ansatz vor, bei dem Prävention und Lösungsfindung im Mittelpunkt stehen.
Seit 2025 sind Sie nun Partnerin bei EY Switzerland. Weshalb dieser Stellenwechsel?
Durch den Wechsel zu EY konnte ich meinen Handlungsspielraum erweitern. Ich habe eine Plattform gefunden, auf der sich Kenntnisse in Recht, Steuerrecht, Transaktionen, Strukturierung und Strategie miteinander verbinden lassen. So konnte ich ein differenzierteres und bereichsübergreifendes Verständnis des Schweizer Immobilienmarktes entwickeln – eines, das über rein rechtliche Aspekte hinausgeht. Zudem konnte ich einen Fuss in die Welt der indirekten Immobilienanlagen setzen, insbesondere über den Verband COPTIS, dem EY angehört.
Sie sind heute an der Schnittstelle zwischen direkten und indirekten Immobilienanlagen tätig. Sind das zwei ähnliche oder grundverschiedene Welten?
Die Herausforderungen sind nicht dieselben, auch wenn beide Bereiche eng mit der Qualität, der Verwaltung und der Wertentwicklung der zugrunde liegenden Vermögenswerte verbunden sind. Der Hauptunterschied liegt in der zeitlichen Dimension: Direkter Immobilienbesitz folgt langfristigen und mitunter wenig flexiblen Dynamiken. Indirekte Immobilienanlagen bieten mehr Liquidität, mehr Arbitragemöglichkeiten und eine grössere finanzielle Transparenz. Die beiden Bereiche ergänzen sich: Wer sich in beiden bewegt, kann sowohl die operativen Gegebenheiten der Immobilien verstehen als auch die Erwartungen der Anleger nachvollziehen.
Laut Ihrer jüngsten Veröffentlichung, dem EY Real Estate Spotlight 2026, sind die indirekten Immobilienanlagen allerdings derselben regulatorischen Inflation ausgesetzt.
Die Akteure der Immobilienbranche sehen sich tatsächlich einem Geflecht aus Bundes-, Kantons- und Gemeindevorschriften gegenüber, die sich laufend weiterentwickeln. Für die Anleger entsteht daraus eine regulatorische Komplexität, die im Laufe der Jahre stetig zunimmt, da auf allen Ebenen immer neue Vorschriften verabschiedet werden. Meine Aufgabe besteht darin, einen Überblick über diese Entwicklungen zu vermitteln und unsere Kunden dabei zu unterstützen, sie in ihre strategischen, operativen und investitionsbezogenen Entscheidungen einzubeziehen.
Insbesondere die ESG-Standards stehen in der Kritik der Anleger.
Tatsächlich hat sich ESG innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert: Wir sind von überwiegend freiwilligen Verpflichtungen zu konkreten Auflagen übergegangen, die von Behörden und bestimmten Selbstregulierungsorganisationen auferlegt werden. Aus meiner Sicht eröffnen die ESG-Anforderungen im Immobilienbereich neue Chancen, weil sie die Spielregeln neu definieren. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Erhebung, Überprüfung und Auswertung der Daten professionalisiert wird.
In der Schweizer Immobilienbranche gibt es nur wenige Frauen in Führungspositionen. Wie erklären Sie sich das?
Ich würde das etwas nuancieren: Im Bereich der direkten Immobilienanlagen gibt es heute viele gut etablierte Frauen. In bestimmten, stärker finanzorientierten Berufsfeldern wie dem Investmentbereich oder den indirekten Immobilienanlagen ist diese Entwicklung zwar noch relativ neu, schreitet aber rasch voran. Bei der letzten COPTIS-Podiumsdiskussion, an der ich teilgenommen habe, war nur ein einziger Mann dabei! Ich persönlich habe es nie als Nachteil empfunden, eine Frau zu sein. Im Gegenteil: Ich hatte oft den Eindruck, dass der andere Ansatz, die andere Interpretation der Dossiers meinen Gesprächspartnern neue Perspektiven eröffnete.
Welchen Rat würden Sie einer jungen Frau geben, die im Immobiliensektor Verantwortung übernehmen möchte?
Zunächst würde ich ihr empfehlen, sich fundiertes Fachwissen anzueignen, denn fachliche Kompetenz bleibt entscheidend. Dann ist es wichtig, den Mut aufzubringen, das Wort zu ergreifen, und keine Selbstzensur zu üben. Meiner Meinung nach spielen auch Frauennetzwerke wie Wipswiss eine wichtige Rolle. Sie fördern nicht nur die Sichtbarkeit und das Networking, sondern man trifft dort vor allem auch andere Frauen, die Herausforderungen lieben, ihren Beruf mit Leidenschaft ausüben und bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen. Das ist sehr inspirierend.
Die Redaktion • Immoday.ch
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