
In der Schweiz wie auch weltweit gelten Investitionen in Rechenzentren für viele Investoren als die Zukunft der gewerblichen Immobilien. Die Projekte schiessen aus dem Boden. Doch Vorsicht vor einem bösen Erwachen: In China, dem globalen Marktführer in diesem Sektor neben den USA, hat die massive Zunahme neuer Rechenzentren zu einer Überkapazität geführt. Gemäss verschiedenen Studien finden bis zu 80 % der neu geschaffenen chinesischen Rechenleistung keinen Abnehmer.
Wie kürzlich in einem Artikel thematisiert, nimmt die Zahl der Rechenzentren in Europa und in der Schweiz stark zu. In den vergangenen Monaten wurden in diesem Zusammenhang zwei Grossprojekte im Kanton Aargau realisiert, mit einem Investitionsvolumen von rund 570 Millionen Franken. Dies trug dazu bei, dass sich die Statistik für den gesamten Bereich der gewerblichen Immobilien solide entwickelte (in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften übersteigen die Investitionen in Rechenzentren inzwischen jene in Büroimmobilien). Doch Vorsicht vor allzu euphorischen Erwartungen.
Drei Jahre ungezügelter Bautätigkeit – tausende Rechenzentren
Wie eine aktuelle Untersuchung von Reuters zeigt, befindet sich der Rechenzentrumssektor in China nach einer Phase ungezügelter Bautätigkeit in einer schwierigen Lage: Die starke Vermehrung der Anlagen hat eine Überkapazität geschaffen, welche die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler Projekte infrage stellt. Laut der MIT Technology Review bleiben bis zu 80 % der neu geschaffenen chinesischen Rechenkapazitäten ungenutzt.
Offiziellen Angaben zufolge haben lokale Behörden in den vergangenen drei Jahren den Bau von nicht weniger als 7’000 Rechenzentren unterstützt. Die Investitionen beliefen sich gemäss Berechnungen von Reuters allein im Jahr 2024 auf rund 3 Milliarden Franken und dürften 2025 mindestens 2 Milliarden Franken erreichen.
Was tun mit dieser überschüssigen Rechenleistung?
Aus Sicht der chinesischen Behörden sollten diese Rechenzentren die Bauwirtschaft im Westen des Landes ankurbeln, wo die Energiekosten tiefer sind, und gleichzeitig die Nachfrage der wirtschaftlichen Zentren im Osten bedienen.
Die Anreize erwiesen sich jedoch als zu wirkungsvoll. Inzwischen hat die Zentralregierung die Notbremse gezogen. Laut Reuters führen die Planungsbehörden derzeit eine umfassende Bewertung des Sektors durch und prüfen Lösungsansätze wie die Schaffung eines nationalen Cloud-Dienstes, um die überschüssige Rechenleistung zu nutzen. Demnach arbeitet das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) mit den drei grössten staatlichen Telekommunikationsanbietern zusammen, um die Rechenzentren zu einem Netzwerk zu verbinden und eine Plattform zur Vermarktung der verfügbaren Rechenleistung aufzubauen. Ein ambitioniertes Vorhaben, das angesichts der erheblichen technologischen Herausforderungen zahlreiche Fragen zur Umsetzbarkeit aufwirft.
Heute China, morgen die Schweiz?
Kurzum: Wie es der Guardian auf den Punkt bringt, lehrt uns das chinesische Beispiel eine zentrale Erkenntnis – der Bau eines Rechenzentrums garantiert keineswegs dessen Auslastung.
Angesichts des weltweiten Ausbaus von Rechenzentren ist es zudem unwahrscheinlich, dass diese Erkenntnis auf China beschränkt bleibt. Anders formuliert: Was geschieht morgen mit unseren Rechenzentren in der Schweiz, wenn auch hier eine Marktsättigung eintritt? Droht eine Entwicklung analog zum Büromarkt, wo steigende Leerstandsquoten letztlich die Renditen erheblich belasten? Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.
Immoday-Redaktion
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